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Kunst kann Jeder! (kommt trotzdem von 'müssen')
Karin Hess | Jahreszeiten – Malerei | Galerie im Mühlencafe Vesbeck

k2Am Sonntag, den 22. 03.2009 um 11:30
wird die Ausstellung ‘Jahreszeiten’ der Malerin Karin Hess
in der Galerie im Mühlencafe Vesbeck
mit einer Einführung von Andreas Ullrich (mir also ;-) ) eröffnet.

Dauer: 23.03. -  7.06.2009
Öffnungszeiten: Mittwoch – Sonntag 14:00 – 18:00 UhrZur Ausstellung
Karin Hess – Jahreszeiten
Galerie im Mühlencafe Vesbeck

Recht eigentlich bin ich ein Anhänger jener Theorie, die behauptet, dass Kunstwerke sich nicht mit Worten erklären lassen. Denn könnte man ein Bild, eine Musik mit Worten erklären, so hätte das Bild nicht gemalt und die Musik nicht komponiert werden müssen. Da ich mich aber nun einmal dazu bereit erklärt habe, zu den Bilder von Karin Hess Worte zu finden, werde ich mich in den nächsten Minuten unter Ihren Blicken auf die Suche begeben.

Einladend und viel versprechend scheint zunächst der Titel der k1Ausstellung: Jahreszeiten. Wie schön – ein Wort, an das sich viele Worte andocken lassen: so zum Beispiel unsere Erinnerungen an die eigene Kindheit, als die Jahres-zeiten noch viel typischer, in ihrer Charakteristik viel ausgeprägter waren als heute, wo ja eh alles nicht mehr so richtig schön ist (oder malt die Erinnerung mit goldenem Pinsel und trügt uns?) – wie dem auch sei: der frische, kraftvolle Frühling, der Aufbruch; dann der hitzige, schier unendlich scheinende Kinder-sommer; der knallfarbige Herbst, die Kürbisse, Erntedank; und dann der frosti-ge, verschneite, dunkle und doch auch zarte und anmutige Winter.
Oder den allgegenwärtigen Vivaldi mit seiner brillanten Tour de Force durch den Verlauf des Jahres.: Instrumentenfarbe, Blütenfarbe; wiegender Takt und wiegendes Getreide; rasendes Pizzikato als Flirren des Lichts über’m glühen-den Acker; lastender Bass als Bild der tief gefrorenen Bodens.
All diese Elemente, die Gefühle, die Anklänge und die Assoziationen werden Sie beim Betrachten der hier versammelten Bilder wiederfinden. Aber: nicht so artig getrennt, wie es die grobe Rasterung in vier Jahreszeiten gebieten könnte, sondern wörtlich bunt gemischt (mit Ausnahme der Winterbilder). Und schliesslich, Karin Hess hat mich darauf aufmerksam gemacht, heisst die Aus-stellung ja auch nicht ‘Die vier Jahreszeiten’. Also müssen wir Betrachter jedes Bild einzeln lesen, die Farben studieren (ist’s des Frühlings keimhafte Blässe oder die von Sonnengluten ausgebleichte Oberfläche), die Formen begutach-ten (ist es ein Blumenfeld, eine Hauswand oder eine Farbfläche) und dies alles wieder zu einem sicherlich sehr subjektiv gestimmten Bildgefühl von ‘Jahres-zeit’ zusammensetzen.

k3Diese Freiheit des Betrachtens, dieser aktive Anteil an der Aneignung vor Ort entschädigt sicherlich für den Verlust der Orientierung an vorgestanzten Jah-reszeittypen. In dieser Unbestimmtheit, Vagheit finden wir aber auch unsere Erfahrung vom Leben in den ‘modern times’ wieder, die alles Naturtypische wie hinter Milchglas undeutlich werden lässt: Erdbeeren im Winter, Weih-nachten in der Karibik, Spargel im Januar und Schokoladenosterhasen im Fe-bruar. Nurmehr die menschengemachten Sonderjahrezeiten haben bislang noch ihr Typisches behalten: der Kölner Karneval und das Hannöversche Schützenfest.

Aber eine Ausnahme – ich erwähnte sie schon vorhin – gibt es in dem bunten Jahrezeitenbilderreigen: die Winterbilder. Keine der in den Bildern sonst immer gegenwärtigen Stufen von Abstraktion, kein perspektivisches Wagnis, nichts Ungefähres, kein virtuoses Farbspiel: einfach Landschaft, Dorf, deckender Puderzuckerschnee. Eindeutig. Klar.

Ich habe die Künstlerin wegen dieser auffälligen Abweichung befragt: was es damit auf sich habe. Nicht, dass es mich k41gewundert hätte, Gegenständliches von ihr zu sehen – in ihrer Serie der Jahrmarktbilder hat sie das seit 2007 rea-lisiert – , nein, das nicht, aber warum wird gerade der Winter so ausgezeichnet (was auch wörtlich zu nehmen ist)? Zu meiner grossen Freude wusste sie es nicht auf Anhieb – sie würde es einfach so machen. Freude deshalb, weil Künstler und Künstlerinnen heute häufig so verdammt genau wissen, was sie tun und warum sie’s tun und was sie mir damit alles sagen wollen und eigent-lich der ganzen Welt. Diese verfügende Klugheit, diese erklärbare Angemes-senheit der Mittel an intelligente und vermittelbare Ziele geht zu Lasten einer tastenden Naivität, einer unerklärlichen Getriebenheit, dem spontanes Lernen aus dem fehlbaren künstlerischen Tun selbst.

Ihre spätere Erklärung hat mich angerührt: Die zärtliche Geste des verhüllen-den, schützenden Schnees verdiene es, dass das so zart Geschützte liebevoll als besonderes Einzelnes sichtbar werde und nicht in abstrahierter Typik. Jetzt weiss ich auch, warum ich diese Winterbilder nie als Kitsch empfunden habe.

Aber habe Sie gemerkt, welche kunsttheoretische Handgranate mit dieser kleinen Bemerkung abgezogen worden ist? Nämlich die krasse Anmutung, dass Abstraktion ein Moment der Lieblosigkeit, der Entpersönlichung, der Härte habe. Das ist natürlich starker Tobak. Ob es aber wirklich stimmt? Nun, ich möchte Ihnen vorschlagen, als einen der möglichen Lehrpfade durch diese Ausstellung dem emotionalen Gehalt von Abstraktion nachzugehen – vom un-geschminkten Realismus bis zur nicht mehr gegenständlich rückübersetzbaren Farbflächenkomposition ist alles da. Natürlich gäbe es andere Pfade: etwa den des Grades der grafischen Definiertheit, den der Ordnung der Dinge vom krausen Chaos bis zur wohlgeordneten Realitätsfiktion; oder den der sicher nicht trivialen Entscheidung zwischen Traurigkeit und gelöster Freude als Ausdrucksinhalt des jeweiligen Bildes. Aber die Frage, ob Abstraktion etwas Unsensibles an sich habe, etwas Ungerechtes, scheint mir am spannendsten.

Wie immer aber Sie auch Ihren Weg durch diese Ausstellung organisieren oder improvisieren, es wird sicher nicht langweilig werden. Viel Freude also und viel Schaulust und vor Allem: Erkenntnislust!

(Andreas Ullrich, Hannover, März 2009)

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